ANALYSE
Ostdeutsche in den Eliten
Ostdeutsche sind in Führungspositionen bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil teilweise stark unterrepräsentiert.
Datenerhebungen zur Presse und zur Tagesschau zeigen, über Ostdeutschland wird anders berichtet als über Westdeutschland.
In der Friedlichen Revolution erkämpfen sich Bürgerinnen und Bürger der DDR unter anderem Meinungs- und Pressefreiheit und überwinden damit das staatlich gelenkte Mediensystem der SED-Diktatur. Es entstehen die Voraussetzungen für eine pluralistische Medienordnung. Für die Medienbranche beginnt nach 1989 eine Phase des Aufbruchs und grundlegender Transformation der Medienlandschaft nach bundesdeutschem Vorbild. Zugleich scheint das Zusammenwachsen der zuvor getrennten Teile Deutschlands komplexer und langwieriger als zunächst erwartet. Besonders deutlich wird dies in der Berichterstattung über Ostdeutschland, wie Medienanalysen zeigen. Doch der Diskurs über den Osten hinterlässt offenbar Spuren: Das Verhältnis zwischen vielen Ostdeutschen und der gesamtdeutschen Presse ist von Distanz geprägt –das Medienmisstrauen ist bei ihnen messbar höher.
Wir haben, wenn es um die Berichterstattung über Ostdeutschland geht, viele Stereotype oder sich wiederholende Muster, zum Beispiel Rechtsradikalismus oder Arbeitslosigkeit. Diese negativen Narrative haben sich bis heute gehalten.“
Eine Datenerhebung von 2026 untersucht, wie über Ostdeutschland in der reichweitenstärksten Nachrichtensendung des deutschen Fernsehens berichtet wird: der 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau. Kommt der Osten dort häufiger oder seltener vor als der Westen? Und geht es dabei um andere Themen?
Ausgewertet werden 1.000 aufeinanderfolgende Ausgaben von Januar 2023 bis September 2025. Erfasst wird jeder inhaltliche Abschnitt einer Sendung, in dem der Name eines Bundeslandes fällt oder die Wörter „ostdeutsch" und „westdeutsch" vorkommen. Anschließend wird bestimmt, worum es in diesen Abschnitten geht.
Die vollständige Erhebung ist hier abrufbar:
DownloadIn absoluten Zahlen werden die zehn westdeutschen Bundesländer erwartungsgemäß gut doppelt so oft genannt wie die fünf ostdeutschen Bundesländer. Berlin bleibt aufgrund seiner Sonderstellung in der Betrachtung unberücksichtigt.
Rechnet man die Nennungen auf die Einwohnerzahl um, dreht sich das Bild allerdings. Auf eine Million Einwohner fällt der Name eines ostdeutschen Bundeslandes 37 Mal in Beiträgen zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, der eines westdeutschen 15 Mal.
An der Spitze steht dabei Hamburg. Hier wird die Nachrichtensendung produziert. Darauf folgen Thüringen und Brandenburg.
Eine Unterrepräsentation Ostdeutschlands liegt also nicht vor.
Die Erhebung zeigt, dass die Nachrichtensendung unterschiedliche Themenschwerpunkte setzt, wenn sie über Ost- oder Westdeutschland berichtet. Die Wortwolken zeigen die Anteile einzelner Themenfelder an der Berichterstattung. Größer dargestellte Begriffe stehen für einen höheren Anteil, kleiner dargestellte Begriffe für einen geringeren.
Ein Viertel der Beiträge, in denen ostdeutsche Bundesländer genannt werden, thematisieren Wahlen, Wahlkampf und weitere innenpolitische Fragen. Bei den westdeutschen Ländern sind es rund 13 Prozent. Mit der Zahl der Wahltermine allein ist dieser Abstand nicht zu erklären: Im Untersuchungszeitraum stehen drei Landtagswahlen in Ostdeutschland vier Landtags- und Bürgerschaftswahlen in Westdeutschland gegenüber. Der Unterschied liegt offensichtlich im Gewicht, das die Berichterstattung ihnen beimisst. Auf Sachsen und Thüringen zusammen entfallen mehr Nennungen zum Thema Wahlen und Wahlkampf als auf alle zehn westdeutschen Länder gemeinsam, 61 gegenüber 52. Das ist die absolute Zahl, ohne Umrechnung auf die Bevölkerung. Diese Häufung erklärt sich aus der besonderen Bedeutung, die den Landtagswahlen im September 2024 zugeschrieben wurde. Ihr Ausgang galt als ungewiss, verbunden mit der Frage, ob er die etablierten Parteien vor neue Herausforderungen bei der Regierungsbildung stellen wird.
Das Gegenstück zum starken Gewicht politischer Themen findet sich bei der Wirtschaft. Auf die Themen Wirtschaft, Infrastruktur und Arbeitsmarkt entfallen bei den ostdeutschen Ländern 9 Prozent der Beiträge, bei den westdeutschen sind es 19 Prozent. Wo die ostdeutsche Wirtschaft vorkommt, geht es eher um strukturelle Entwicklungen wie den Kohleausstieg als um Unternehmen und ihre Standorte. Sowohl wenn ostdeutsche Bundesländer genannt werden als auch wenn der Begriff „ostdeutsch“ in der Tagesschau fällt, werden konkrete Betriebe selten thematisiert. Auch das Bundesland Sachsen mit der höchsten Wirtschaftsleistung der ostdeutschen Länder wird nur in 10 Prozent der Fälle im Zusammenhang mit Wirtschaft erwähnt, während der Durchschnitt aller Bundesländer bei 16 Prozent liegt.
Ein Schwerpunkt trennt die Berichterstattung über Ost und West stärker als jeder andere. Fast jeder vierte inhaltliche Abschnitt, in dem ein ostdeutsches Bundesland vorkommt, dreht sich um rechte Parteien und Bewegungen oder um Taten mit rechtsextremem Hintergrund. Bei den westdeutschen Ländern ist es nur jeder zwanzigste. Wird ein ostdeutsches Bundesland genannt geht es in 109 von 457 Fällen um rechte Ideologie, bei den westdeutschen in 50 Fällen. Und das, obwohl westdeutsche Bundesländer mit 997 Gesamtnennungen gut doppelt so oft vorkommen.
Auch hier dürfte die Ereignislage ursächlich sein. Neben der Aufmerksamkeit für die ostdeutschen Landtagswahlen richtete sich der Blick auch bei der Europa- und der Bundestagswahl auf die Ergebnisse der AfD in Ostdeutschland. Die Einstufung ostdeutscher Landesverbände der Partei durch den Verfassungsschutz fiel ebenfalls in den Untersuchungszeitraum. Ob es eine Tendenz gab, über solche Ereignisse eher zu berichten, wenn Sie in Ostdeutschland stattgefunden haben, lässt sich aus der Erhebung nicht ablesen.
Die Unterschiede innerhalb Ostdeutschlands sind teilweise größer als die zwischen Ost und West. Betrachtet man die fünf ostdeutschen Länder einzeln, vom am häufigsten genannten bis zum am seltensten, ergeben sich fünf verschiedene Themenprofile.
Brandenburg wird 133 Mal und damit unter den ostdeutschen Ländern am häufigsten genannt. Die Berichterstattung über das Land ist mit 21 Prozent stärker durch Umwelt, Klima und Energie geprägt als die über jedes andere Bundesland. Thematisiert werden dabei Waldbrände und Dürren, die Ansiedlung von Tesla in Grünheide, aber auch der Kohleausstieg.
Die Berichterstattung über Brandenburg ist unter den ostdeutschen Ländern am wenigsten durch rechte Ideologie als Berichtsgegenstand geprägt. Der Anteil von 10 Prozent liegt dennoch etwa doppelt so hoch wie der Anteil bei den Westdeutschen Bundesländern, wo er bei insgesamt 5 Prozent liegt.
Die Berichterstattung über Thüringen ist im Erhebungszeitraum stärker von innenpolitischen Themen geprägt als die über jedes andere Bundesland. 26 Prozent der Beiträge beschäftigen sich mit der Regierung, Parteien oder dem politischen System.
In 41 Prozent der inhaltlichen Beiträge steht ein Thema rechter Ideologie im Mittelpunkt. Das ist bundesweit mit Abstand der höchste Wert. Bei keinem anderen Bundesland sind es mehr als 25 Prozent.
Sachsen kommt mit 23 Prozent beim Thema Wahlen und Wahlkampf auf den höchsten Anteil aller Bundesländer. Beim Bezug zu rechter Ideologie liegt es mit 22 Prozent bundesweit auf dem dritten Rang.
Die Berichterstattung über Sachsen-Anhalt ist mit 30 Prozent bundesweit am stärksten durch das Thema Gesellschaft und Soziales geprägt. Dahinter stehen bundesweit die höchsten Anteile an der Berichterstattung bei den Unterthemen Demonstrationen und Ländlicher Raum. Jeder vierte Beitrag hat ein Thema mit Bezug zu rechter Ideologie zum Gegenstand, deutschlandweit der zweithöchste Anteil.
Mecklenburg-Vorpommern wird von den Ostdeutschen Bundesländern am seltensten genannt. 33 Mal wurde das Bundesland im Zusammenhang mit politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Themen genannt. Diese Beiträge wurden 46 verschiedenen Themen zugeordnet. Auffällig hoch ist der Anteil des Themenfeldes Justiz, Kriminalität und Terrorismus mit 20 Prozent, dem höchsten unter den ostdeutschen Ländern. Im Zusammenhang mit Wahlen & Wahlkampf fällt der Landesname kein einziges Mal, obwohl auch dort im Erhebungszeitraum Europaparlament und Bundestag gewählt wurden.
Die Unterschiede innerhalb Ostdeutschlands sind mitunter größer als die zwischen Ost und West: Zwischen Thüringen und Brandenburg beträgt der Unterschied beim Thema rechte Ideologie 31 Prozentpunkte. Zwischen Ost und West insgesamt sind es 19 Prozentpunkte.
Bisher ging es um die Nennung der ost- und westdeutschen Bundesländer. Gezählt wurde aber auch, wie oft die Tagesschau überhaupt von „ostdeutsch" und „westdeutsch" spricht. Das Wort „ostdeutsch“ fällt in 83 verschiedenen inhaltlichen Beiträgen, westdeutsch in 30 verschiedenen. In 16 von diesen 30 Fällen, fällt das Wort allerdings nur in Abgrenzung zum Begriff ostdeutsch im gleichen Beitrag. Eigenständig, ohne Bezug auf Ostdeutschland, kommt der Begriff lediglich achtmal vor. Der Rest entfällt auf Bestandteile von Eigennamen wie beim „Westdeutschen Rundfunk“.
Ostdeutsch wird als eigenständiger Sammelbegriff verwendet, westdeutsch hingegen nicht. Bei der Wahlberichterstattung zeigt sich das besonders deutlich. Bayern und Hessen wählten 2023 am selben Tag einen neuen Landtag. Die Ergebnisse wurden nicht als „westdeutsches Wahlverhalten" interpretiert, auch von „westdeutschen Wahlen" war nicht die Rede. Die Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im Herbst 2024 dagegen wurden mitunter als ostdeutsche Wahlen gemeinsam verhandelt.
Zählt man nicht Abschnitte, sondern bloße Wortnennungen, kommt „ostdeutsch“ auf 152. Das ist mehr als „westdeutsch“, „norddeutsch“ und „süddeutsch“ zusammen: 34, 34 und 43. Bei „süddeutsch“ wurden die Erwähnungen der „Süddeutschen Zeitung“ dabei nicht berücksichtigt. „Ostdeutschland“ erscheint damit auch in der Tagesschau als eigenständige Bezugsgröße, während der Begriff Westdeutschland vor allem als deren Kontrastfolie verwendet wird.
Eine Analyse von über 321 Millionen deutschsprachigen Printartikeln im Zeitraum von 1990 bis 2025 untersucht die Berichterstellung in Zeitungen und Zeitschriften. Hierbei wird die Häufigkeit von thematischen Begriffen in Verbindung mit Ostdeutschland untersucht.
Die Auswertung macht sichtbar, durch welche sprachlichen Deutungsmuster Ostdeutschland bis heute beschrieben wird und dass es bis heute als „Sonderfall“ überdurchschnittlich oft mit problembezogenen Themen verbunden wird. Daneben zeigen Jahresverläufe, dass Ostdeutschland vor allem dann erhöhte mediale Aufmerksamkeit erhält, wenn rund um den 3. Oktober vermehrt erklärende und bilanzierende Beiträge erscheinen
Die vollständige Erhebung ist hier abrufbar:
DownloadEin erster Blick auf die Häufigkeit von Begriffen in Presseartikeln über Ostdeutschland zeigt ein deutliches Muster: Die Berichterstattung wird von Schlagworten dominiert, die fast ausschließlich im zeitgeschichtlichen Kontext genutzt werden. Begriffe wie „Nachwende“, „Friedliche Revolution“, „Mauerfall“ oder „SED“ sind in den Artikeln stark überrepräsentiert.
Das ist wenig überraschend und historisch erklärbar. Gleichzeitig überlagert es den Blick auf weitere thematische Schwerpunkte der Berichterstattung. Um diese Themensetzung in Zeitungen und Zeitschriften sichtbar zu machen, werden zentrale historische Begriffe in einem nächsten Schritt herausgefiltert. Erst dadurch wird erkennbar, welche inhaltlichen Zuschreibungen sich häufen und wie sie sich im Lauf der Jahrzehnte verändern.
Im ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung erscheint Ostdeutschland in den Zeitungen vor allem als gigantisches Sanierungsprojekt: Knapp die Hälfte der 30 am stärksten überrepräsentierten Begriffe stammt aus der Welt der Wirtschaft – von „Subvention“ und „Privatisierung“ bis hin zu „Strukturwandel“ und „Arbeitslosigkeit“.
Mindestens genauso aufschlussreich wie die übermäßig präsenten Themen sind die blinden Flecken in der Berichterstattung. Die rechtsextremen Ausschreitungen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen gelten in den 1990er Jahren zwar vielen als Sinnbild für ein rechtsextremes Ostdeutschland. Umso erstaunlicher ist, dass die Berichterstattung in dieser Zeit, die heute von einigen als „Baseballschlägerjahre“ bezeichnet wird, noch nicht stark von diesem Thema geprägt ist – was sich allerdings in den darauffolgenden Jahrzehnten ändern sollte. Allein das Wort „ausländerfeindlich“ findet aus diesem Themenbereich in den Top 30 der am meisten überrepräsentierten Wörtern den 1990er Jahre. Die Wortwolke dieser Zeit zeigt zudem ein auffälliges statistisches Detail: Zwar treten spezifische Begriffe im Kontext Ostdeutschlands bereits deutlich häufiger auf als im gesamtdeutschen Durchschnitt, doch verstärkt sich diese Tendenz erst in den folgenden Jahrzehnten erheblich.
Nach der Jahrtausendwende verändert sich das mediale Bild Ostdeutschlands spürbar. Zu den wirtschaftlichen Themen der 1990er Jahre gesellt sich nun eine soziale und demografische Krisenerzählung. Ostdeutschland erscheint in der Berichterstattung vor allem als Region im strukturellen Abwärtstrend: Begriffe wie „Abwanderung“, „Fortzüge“ und „Schrumpfung“ sind deutlich überrepräsentiert. Auch sozialpolitische Themen wie „Hartz IV“ oder „Arbeitslosigkeit“ sind stark überrepräsentiert, obwohl die Hartz-Reformen auch das Leben vieler Menschen in Westdeutschland verändern.
Parallel dazu rückt der Rechtsextremismus im Zusammenhang mit Ostdeutschland stärker in den Fokus der Berichterstattung. Während in den 1990er Jahren nur ein Begriff aus diesem Themenfeld in den Top 30 der Medienanalyse erscheint, sind es in den 2000er Jahren nun neun.
Zudem werden politische Parteien häufiger mit Ostdeutschland verknüpft: Neben der PDS, die sich in dieser Zeit mehrfach umbenennt und später in der Partei Die Linke aufgeht, taucht auch die NPD in diesem Kontext auf. Der Begriff „Lügenpresse“ gehört ebenso erstmals zu den stark überrepräsentierten Begriffen.
In den 2010er Jahren verfestigt sich das mediale Bild Ostdeutschlands als politischer Problemfall. Die Berichterstattung wird nun vor allem von einem Themenfeld dominiert: Fast die Hälfte der 30 prägendsten Begriffe sind mit rechter Ideologie und ihren Akteuren verbunden. Wörter wie „überfremdet“, „Grenzöffnung“ und „PEGIDA“ stehen im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Debatten um die Fluchtmigration seit dem Jahr 2015 und setzen sich in dieser Zeit an die Spitze der Wortliste.
Parallel wird die AfD in der Presse häufig als ostdeutsche Partei eingeordnet, obwohl sie ursprünglich im Westen gegründet wurde und auch dort schnell Wähler gewinnt.
Neben diesen Themen treten verstärkt Begriffe, die Machtlosigkeit oder strukturelle Benachteiligung beschreiben. Zu den anhaltenden demografischen und wirtschaftlichen Problemen, die sich in Wörtern wie „Altersarmut“, „Schrumpfung“ und „Fortzüge“ ausdrücken, kommen neue Formulierungen wie „abgehängt“ und „unterrepräsentiert“ hinzu.
In den Jahren 2020 bis 2024 setzen sich zentrale Muster der 2010er Jahre in der Berichterstattung fort. Begriffe aus dem Spektrum rechter Ideologien dominieren weiterhin die Spitze der Statistik.
Neben der Partei Die Linke mitsamt den Bezeichnungen ihrer Vorgängerinnen und der AfD schiebt sich mit dem BSW eine neue politische Kraft in die Liste der Begriffe. Obwohl sich der Rechtsruck auch in vielen westdeutschen Regionen und Landesparlamenten zeigt, wird er in der gesamtdeutschen Presse vor allem mit Ostdeutschland verbunden.
Auch die Erzählung einer anhaltenden sozialen und strukturellen Ohnmacht im Osten besteht fort.
Ein Vergleich der am stärksten überrepräsentierten Begriffe der vier Dekaden seit der Wiedervereinigung zeigt eine bemerkenswerte Dynamik: Thematische Bezüge zu Ostdeutschland gehen mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur deutschen Einheit nicht etwa zurück, sondern bleiben bestehen und verstärken sich. Die Abweichung vom Durchschnitt der Presseberichterstattung nimmt, wenn über den Osten geschrieben wird, bei überrepräsentierten Begriffen über die Jahre immer weiter zu.
Kommen die 30 am stärksten überrepräsentierten Begriffe in den 1990er Jahren in Artikeln über Ostdeutschland im Schnitt sieben Mal häufiger vor, erreicht diese Abweichung in den 2010er Jahren mit dem 18-Fachen ihren Höhepunkt. Und auch wenn dies in den 2020er Jahren wieder zurückgeht, liegt die Überrepräsentation mit einem 12-fachen Wert weiterhin auf einem hohen Niveau.
Daraus lässt sich ableiten, dass sich das Bild Ostdeutschlands in der Berichterstattung stellenweise zu stereotypen Mustern verdichtet, in denen Ostdeutschland vor allem im Zusammenhang mit wirtschaftlichem Abstieg, demografischen Problemen oder politischer Radikalisierung erscheint.
Im Jahr unmittelbar nach der Wiedervereinigung sind Ostdeutschland bzw. die damals sogenannten neuen Bundesländer in der Presse noch allgegenwärtig. Damals fällt der Begriff „ostdeutsch“ in fast sieben Prozent aller deutschsprachigen Presseartikel. Der Anteil nimmt im Verlauf der 1990er Jahre kontinuierlich ab und liegt in den letzten zwei Dekaden in jedem Jahr zwischen gut 0,2 und knapp 0,5 Prozent.
Betrachtet man die letzten 30 Jahre und vergleicht den Rhythmus der Berichterstattung, zeigt sich eine erstaunliche Konstanz.
Die Berichterstattung verzeichnet im Zeitverlauf eines Jahres immer wieder die gleichen Episoden, die vom Jahresdurchschnitt abweichen.
Außerdem werden diese Ausschläge nach oben mit den Jahren immer extremer.
Welche Anlässe braucht es also, damit sich die mediale Aufmerksamkeit überhaupt auf den Osten der Republik richtet? Hierfür bietet das Jahr 2014 ein gutes Beispiel.
In den Winter- und Frühlingsmonaten wird unterdurchschnittlich häufig über Ostdeutschland berichtet. Ohne konkreten historischen oder politischen Anlass spielt das Thema in der laufenden Berichterstattung eine vergleichsweise geringe Rolle.
Mitte bis Ende August steigt die Berichterstattung über Ostdeutschland im Durchschnitt um knapp 20 Prozent. Möglicherweise liegt dies an der nachrichtenärmeren Zeit in der parlamentarischen Sommerpause. Zudem bietet der Jahrestag des Mauerbaus 1961 am 13. August Anlass für historische Rückblicke.
Auch rund um Landtagswahlen in ostdeutschen Bundesländern steigt die Berichterstattung deutlich an: Am Beispiel des Jahres 2014 zeigt sich, dass bereits im Vorfeld einzelner Wahlen ein erhöhtes mediales Interesse besteht, etwa vor Landtagswahl in Sachsen.
Dieser Effekt ist jedoch nicht bei allen Landtagswahlen in ostdeutschen Bundesländern ausgeprägt. In der Vorwahlphase erhalten Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Nach den Wahlen steigt die Berichterstattung jedoch deutlich an. Auch das zeigt sich im Jahr 2014: So wurde in der Woche nach den Landtagswahlen im September 2014 in Brandenburg und Thüringen fast 50 Prozent häufiger über Ostdeutschland berichtet als im Jahresdurchschnitt. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch bei Bundestagswahlen: Ostdeutschland spielt im Vorfeld eine untergeordnete Rolle, rückt aber im Anschluss an die Wahlen stärker in den Fokus, wenn es darum geht, die Wahlergebnisse im Nachhinein zu erklären. Nach den Wahlen 2017 und 2021 wurde etwa doppelt so häufig wie im Durchschnitt über Ostdeutschland berichtet.
Im Herbst steigt die Kurve regelmäßig an und erreicht rund um dem Tag der Deutschen Einheit ihren Höhepunkt. Bereits ein bis zwei Wochen vor dem 3. Oktober nimmt die mediale Aufmerksamkeit zu und liegt in dieser Phase deutlich über dem Jahresdurchschnitt. Im Jahr 2014 – dem 25. Jahrestag der Friedlichen Revolution – wird in diesem Zeitraum doppelt so häufig über Ostdeutschland berichtet wie im Jahresdurchschnitt. Auffällig ist zudem, dass das mediale Interesse nach dem Feiertag abrupt wieder auf Normalmaß abnimmt.
Der Jahrestag des Mauerfalls am 9. November führt – anders als der 3. Oktober – nicht regelmäßig zu einem Anstieg der Berichterstattung. Eine erhöhte Aufmerksamkeit zeigt sich vor allem in Jahren mit runden Jubiläen wie 2014 zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, ebenso zum 5., 10., 20. oder zuletzt 35. Jahrestag. In den Zwischenjahren bleibt die Berichterstattung im November vergleichsweise gering.
Die Ergebnisse der Medienanalyse zeigen: Ostdeutschland erscheint in der Presse bis heute als Sonderfall. Mit wachsendem zeitlichem Abstand zur Wiedervereinigung löst sich diese Zuschreibung nicht auf, im Gegenteil, sie verfestigt sich. Das zeigt sich daran, dass vor allem negativ konnotierte Themen und Begriffe im Zusammenhang mit Ostdeutschland besonders häufig auftreten. Dazu gehören vor allem wirtschaftliche Probleme, demografische Entwicklungen und politische Radikalisierung.
Zwar verändern sich die Schwerpunkte im Laufe der Zeit: von wirtschaftlichem Umbau in den 1990er Jahren über demografische Krisen in den 2000ern bis hin zu politischen Konflikten seit den 2010ern. Die grundlegende Tendenz bleibt aber gleich: Ostdeutschland wird besonders dann zum Thema, wenn es als Problem oder Ausnahme erscheint. Alltägliche Aspekte treten demgegenüber seltener in den Vordergrund. Aufmerksamkeit entsteht vor allem zu bestimmten Anlässen wie Jahrestagen oder Wahlen.
Diese wiederkehrenden thematischen Verknüpfungen können dazu beitragen, dass sich bestimmte Deutungsmuster in der Berichterstattung verfestigen. Auffällig ist außerdem, dass „Ostdeutschland“ mehr ist als nur eine geografische Bezeichnung. Der Begriff ist politisch aufgeladen. Während der Westen oft als Normalfall gilt und gar nicht extra benannt wird, wird Ostdeutschland in der Presseberichterstattung häufig hervorgehoben und eingeordnet. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass Ostdeutschland als besonders erklärungsbedürftig erscheint, während Unterschiede innerhalb der Region zugleich weniger Beachtung finden.
Die Konsequenzen dieser Darstellungslogik sind nicht nur medial, sondern auch gesellschaftlich relevant. Die Analyse deutet darauf hin, dass sich über Jahrzehnte hinweg ein relativ stabiles Set an Zuschreibungen herausgebildet hat, das die Wahrnehmung Ostdeutschlands prägt. Diese Zuschreibungen können sowohl die öffentliche Wahrnehmung als auch das Selbstverständnis der Menschen vor Ort beeinflussen.
Die begleitenden qualitativen Befunde – insbesondere aus den im Rahmen des Projekts „Identitäten ohne Mauern. Auf der Suche nach der DNA des Ostens“ entstandenen Interviews – stützen diese Interpretation. Viele Befragte empfinden die Berichterstattung als einseitig und kritisieren, dass die Vielfalt ostdeutscher Lebenswirklichkeiten kaum vorkommt. Stattdessen dominieren wenige, stark aufgeladene Themen, die den Osten oft zur Projektionsfläche für gesellschaftliche Debatten machen.
Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass viele Menschen in Westdeutschland nur wenig eigene Erfahrung mit Ostdeutschland haben. Ein Teil von ihnen war noch nie dort; ihr Bild entsteht daher vor allem durch Medienberichte und weniger durch persönliche Begegnungen.
Auch strukturelle Faktoren spielen dabei eine Rolle. Die großen Verlagshäuser haben ihren Sitz in der alten Bundesrepublik, und Inhalte werden zunehmend zentral produziert. Gleichzeitig gibt es in den vergangenen Jahren verstärkt Bemühungen, ostdeutsche Perspektiven durch eigene Redaktionen und Formate stärker einzubinden. Ziel ist es, ostdeutsche Perspektiven direkt zu Wort kommen zu lassen.
Die Erhebung zur Tagesschau führt zunächst in eine andere Richtung. Hier zeigt sich: Gemessen an der Bevölkerung kommen ostdeutsche Bundesländer in den Fernsehnachrichten häufiger vor als westdeutsche, nicht seltener. Von einer Unterrepräsentation des Ostens kann in der meistgesehenen Nachrichtensendung des Landes für diesen Zeitraum keine Rede sein. Das dürfte auch mit der Struktur hinter der Sendung zusammenhängen. Die Erklärung, die für die Presse naheliegt, greift hier nicht: dass Redaktionen mit Sitz in Westdeutschland über den Osten berichten. Die Tagesschau entsteht bei ARD-aktuell in Hamburg aus Zulieferungen aller Landesrundfunkanstalten. Für die ostdeutschen Länder liefern MDR, rbb und NDR zu, mit Funkhäusern in allen ostdeutschen Bundesländern. Durch den föderalen Aufbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist die Berichterstattung aus Ostdeutschland also strukturell verankert.
Dennoch ist nicht nur in der Presse sondern auch in den Tagesschau-Nachrichten eine thematische Fokussierung zu beobachten, auch wenn diese stärker von der Ereignislage geprägt zu sein scheint. Die Berichterstattung ist stark politisch geprägt, mit einem hohen Anteil an Beiträgen über rechte Parteien und Bewegungen, während der Osten als Wirtschaftsstandort weniger vorkommt. Ob häufiger oder seltener berichtet wurde, als die Ereignislage es nahelegt, lässt sich aus der Erhebung nicht ablesen.
Es finden sich auch in den Tagesschaunachrichten Hinweise, die den Befund der Presseanalyse, bestätigen: Ostdeutschland wird als Bezugsgröße eigens benannt, Westdeutschland bleibt unmarkiert und kann dadurch auch als unbenannter Normalfall wahrgenommen werden.
Zugleich zeigen die Daten, wie wenig einheitlich das ist, was unter dem Schlagwort Ostdeutschland verhandelt wird. Zwischen den fünf ostdeutschen Ländern liegen bei einzelnen Themen größere Unterschiede als zwischen Ost und West insgesamt. Der Sammelbegriff „ostdeutsch“ bildet diese Unterschiede nicht ab.
Vor diesem Hintergrund tragen Medien eine besondere Verantwortung. Sie berichten nicht nur über Realität, sondern prägen auch, wie sie wahrgenommen wird. Eine differenziertere und weniger stereotype Berichterstattung könnte dazu beitragen, ein vielschichtigeres Bild von Ostdeutschland zu vermitteln und damit auch das gegenseitige Verständnis im vereinten Deutschland zu stärken.
Grundlage der Untersuchung ist die Analyse von über 321 Millionen deutschsprachigen Presseartikeln, aus dem die im Zeitraum vom Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 bis zum 31. März 2025 erschienen sind.
Möglich wurde diese Auswertung durch die Zusammenarbeit mit GBI-Genios. Das Gemeinschaftsunternehmen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Handelsblatt Media Group bündelt die digitalen Archive der deutschen Tages- und Wochenzeitungen.
Tagesschau:Grundlage der Erhebung sind 1.000 aufeinanderfolgende Ausgaben der 20-Uhr-Tagesschau vom 1. Januar 2023 bis zum 27. September 2025. Ausgewertet wurden die Sendungstranskripte, die in Textform vorlagen.
Die Erhebung entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Die Transkripte wurden im Rahmen eines Seminars im Masterstudiengang Kommunikations- und Medienwissenschaft auf die Suchbegriffe hin durchsucht und ausgewertet.
Die Zeiträume beider Erhebungen überschneiden sich: Die Presseanalyse reicht bis zum 31. März 2025, die Tagesschau-Erhebung beginnt im Januar 2023.
Die Untersuchung, die von der Produktionsfirma Hoferichter & Jacobs in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig verantwortet wird, ist ein datenjournalistisches Projekt und folgt keinem klassischen sozialwissenschaftliche Studiendesign. Um herauszufinden, wie über den Osten geschrieben wird, wird die Verwendung von rund 1.200 ausgewählten Begriffen untersucht. Die Auswahl orientiert sich an korpusbasierten Wortlisten des Instituts für Deutsche Sprache, ergänzt um Begriffe, die im öffentlichen Diskurs oft mit Ostdeutschland assoziiert werden.
Entscheidend für die Auswertung ist die sogenannte Überrepräsentation. Kommt ein Begriff in 10 Prozent aller Presseartikel vor, aber in 20 Prozent der Artikel, die das Wort „ostdeutsch“, „Ostdeutsche/r“ oder „Ostdeutschland“ enthalten, ist er im Ost-Kontext überrepräsentiert – in diesem Fall um 100 Prozent. Eine Überrepräsentation von +100 Prozent heißt, dass das Wort im Zusammenhang mit Ostdeutschland doppelt so häufig fällt wie im Durchschnitt der Presseberichterstattung.
Für die Analyse werden für jedes Jahrzehnt jeweils die Top 30 der am stärksten überrepräsentierten Begriffe betrachtet. Sie zeigen am deutlichsten, welche thematischen Schwerpunkte und Deutungsmuster die Berichterstattung über Ostdeutschland prägen.
Der letzte Stand ist hier abrufbar.
Tagesschau:Gezählt wurde, in welchen Zusammenhängen die Namen der Bundesländer sowie die Wörter „ostdeutsch“ und „westdeutsch“ und deren Abwandlungen wie „Ostdeutschland“ und „Westdeutschland“ oder „Ostdeutsche/r“ und „Westdeutsche/r“ in der Tagesschau verwendet wurden.
Erfasst wurden dabei nicht einzelne Nennungen, sondern Sinnabschnitte. Ein Sinnabschnitt ist eine zusammenhängende Passage zu einem Thema. Sie kann sich über Studiotext, Einspieler und Live-Schalte erstrecken. Fällt ein Begriff darin mehrfach, zählt der Abschnitt einmal.
Jeder Abschnitt wurde ein bis zwei von 16 Themenfeldern bzw. 32 Unterthemen zugeordnet. Die Zuordnung erfasst, worüber berichtet wird, nicht, wie darüber berichtet wird. Die drei untersuchten Kategorien „rechte Ideologie", „linke Ideologie“ und „weitere Ideologie“ bezeichnen entsprechend den Gegenstand eines Beitrags, etwa entsprechende Parteien, Bewegungen oder Taten, und geben kein Urteil über die Haltung der Berichterstattung ab.
Weil ein Abschnitt zwei Zuordnungen erhalten kann, liegt die Summe der Zuordnungen über der Zahl der Abschnitte. Bei den Themenanteilen beziehen sich die Prozentangaben auf die Zuordnungen, bei den Kategorien der politischen Ideologie auf die Abschnitte.
In den Wortwolken zeigt die Schriftgröße den Anteil eines Themenfeldes an allen thematischen Zuordnungen. Alle Wolken verwenden denselben Maßstab und dieselbe Anordnung, sie sind also untereinander vergleichbar.
Wetter, Sport sowie Katastrophen und Unglücke wurden gesondert ausgewiesen und bei Vergleichen herausgerechnet. Sie hängen stark von einzelnen Ereignissen und, im Fall des Sports, von den Namen der Vereine ab.
Berlin blieb außer Betracht, weil sich die Stadt in der Berichterstattung häufig weder Ost- noch Westdeutschland sinnvoll zuordnen lässt.
Anders als die Presseanalyse misst diese Erhebung keine Überrepräsentation. Sie zählt, wie oft und in welchen Zusammenhängen berichtet wurde, und vergleicht diese Werte zwischen Ost und West. Einen Maßstab dafür, wie viel Berichterstattung die Ereignisse des Zeitraums verlangt hätten, bietet sie nicht. Aussagen darüber, ob über ein Thema häufiger berichtet wurde, als es die Ereignislage nahelegte, lässt sie deshalb nicht zu.
Auf die Bevölkerung umgerechnet wird allein im Abschnitt „Pro Kopf ist der Osten präsenter als der Westen“. Die dort verwendeten Bevölkerungszahlen basieren auf dem Zensus 2022. Von einer Nachrichtensendung ist keine streng bevölkerungsproportionale Berichterstattung zu erwarten. Die Umrechnung dient allein dazu, unterschiedlich große Ländergruppen vergleichbar zu machen.
Um herauszufinden, zu welchen Zeiten Ostdeutschland medial in den Fokus rückt, untersucht die die Presseerhebung Muster im Jahresverlauf. Dafür werden 1.833 Kalenderwochen betrachtet – vom 3. Oktober 1990 bis zur letzten abgeschlossenen Woche vor dem Stichtag Ende März 2025 (KW 13). Zunächst wird ermittelt, wie groß der Anteil der Artikel ist, die den Begriff „ostdeutsch“ sowie die Varianten „Ostdeutschland“ oder „Ostdeutsche/r“ enthalten. Dieser wöchentliche Anteil wird dann mit dem jeweiligen Jahresdurchschnitt verglichen, um saisonale Medien-Rhythmen sichtbar zu machen. Ein Beispiel: Wenn in einem Jahr durchschnittlich 0,5 Prozent aller Presseartikel den Begriff „ostdeutsch*“ enthalten, dieser Anteil in der Kalenderwoche 40 (rund um den Tag der Deutschen Einheit) auf 0,75 Prozent steigt, entspricht das für diese Woche einer um 50 Prozent erhöhten Berichterstattung.
Für die Tagesschau-Erhebung wurde kein entsprechender Jahresverlauf berechnet. Ihr Untersuchungszeitraum umfasst 33 Monate und ist für die Berechnung wiederkehrender saisonaler Muster zu kurz.
Der Westen gilt in der Berichterstattung historisch wie demografisch als die Norm: Er repräsentiert den unausgesprochenen Standard, der im Alltag kein eigenes Adjektiv benötigt. Berichten Medien über einen Lehrer in Hessen oder einen Betrieb in Nordrhein-Westfalen, ist in der Regel einfach von „einem Lehrer“ oder „einem deutschen Unternehmen“ die Rede. Liegt der Schauplatz jedoch in Sachsen oder Thüringen, wird das Attribut „ostdeutsch“ deutlich häufiger verwendet.
Für die Presseanalyse folgt daraus, dass sich die beiden Begriffe nicht sinnvoll vergleichen lassen. Ein Vergleich der Kontexte von „westdeutsch" würde nicht zeigen, wie über Westdeutschland berichtet wird, sondern nur, in welchen seltenen Fällen der Westen überhaupt eigens benannt wird.
Die Tagesschau-Erhebung geht deshalb einen zweiten Weg und wertet zusätzlich die Namen der Bundesländer aus. Damit wird der Vergleich möglich, ohne auf die Adjektive angewiesen zu sein. Das Ungleichgewicht der Begriffe selbst wird dabei zum eigenen Befund: In den 1.000 untersuchten Sendungen fällt ostdeutsch* in 83 Sinnabschnitten, westdeutsch* in 30. In 16 dieser 30 Fälle steht der Begriff nur deshalb dort, weil im selben Abschnitt auch von Ostdeutschland die Rede ist. Rechnet man noch Eigennamen heraus, wird er nur achtmal eigenständig verwendet.
Damit deckt sich der Befund zwischen Presseberichterstattung und Tagesschau, dass Ostdeutschland als markierte Kategorie erscheint, während Westdeutschland weitgehend unbenannt bleibt.
ANALYSE
Ostdeutsche sind in Führungspositionen bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil teilweise stark unterrepräsentiert.
DAS BUCH ZUM PROJEKT
Differenzierte Einblicke in ostdeutsche Lebenssichten, herausgegeben von Olaf Jacobs und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hg.)