ANALYSE
Der Osten in den Medien
In der Berichterstattung über Ostdeutschland spielen Pauschalisierungen eine große Rolle. Wie und wann wird über den Osten berichtet?
Auch über dreißig Jahre nach dem Mauerfall sind Ostdeutsche in Führungspositionen bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil teilweise stark unterrepräsentiert, sowohl in gesamtdeutschen Führungspositionen als auch in Ostdeutschland selbst. Ein in den letzten Jahren erwartetes Nachrücken Ostdeutscher in Elitepositionen bzw. ein Ansteigen der Anteile findet in vielen der untersuchten gesellschaftlichen Bereiche kaum statt.
Ostdeutschland hat seit der Wiedervereinigung 1990 eine tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation erlebt. Zu Beginn dieses Prozesses vermuteten viele, das Gebiet der früheren DDR würde sich schnell an westdeutsche Verhältnisse anpassen. Diese Entwicklung verlief jedoch je nach Bereich und Perspektive unterschiedlich.
Ein besonders aufschlussreicher Bereich ist dabei die Besetzung von Elitepositionen. Denn Ostdeutsche sind in den Führungspositionen des Landes, bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil, teilweise stark unterrepräsentiert, sowohl in gesamtdeutschen Spitzenpositionen als auch in Ostdeutschland selbst. Mehrere Erhebungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass ein erwartetes Nachrücken Ostdeutscher in Elitepositionen bzw. ein Anstieg ihrer Anteile in vielen gesellschaftlichen Bereiche bislang kaum oder gar nicht stattfindet.
Ob Ostdeutsche angemessen in Elitepositionen vertreten sind, lässt sich am Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil ablesen. Je höher dieser Anteil ist, desto häufiger müssten Ostdeutsche in den Eliten vertreten sein. Vergleichbar ist dies mit der Diskussion über Frauen in Führungspositionen vor dem Hintergrund ihres Bevölkerungsanteil von rund 50 Prozent. Der Anteil Ostdeutscher an der Bevölkerung liegt nach Jahren der Zu- und Abwanderung in Ostdeutschland bei etwa 77 Prozent. Ihr Anteil in den ostdeutschen Eliten erreicht 2022 jedoch nur 26 Prozent (im Bild türkisfarben).
In den fünf ostdeutschen Landesregierungen liegt der Anteil Ostdeutscher im Jahr 2022 bei 60 Prozent. In den Jahren 1991, 2004 und 2016 betrug er jeweils noch mindestens 70 Prozent.
Unter den Staatssekretärinnen und Staatssekretären ist der Anteil stetig gestiegen, auf 52 Prozent im Jahr 2022.
Auf der Leitungsebene der 100 größten ostdeutschen Unternehmen liegt der Anteil Ostdeutscher im Jahr 2022 bei 20 Prozent, nachdem er 2016 noch 25 Prozent betragen hatte.
Auf den Positionen der Leitungsvertretung der 100 größten ostdeutschen Unternehmen ist er von 52 Prozent (2004) und 45 Prozent (2016) auf 27 Prozent gesunken.
17 Prozent der Hochschulrektorinnen und -rektoren bzw. der Hochschulpräsidentinnen und -präsidenten der größten ostdeutschen Hochschulen haben eine ostdeutsche Herkunft.
Unter den Hochschulkanzlerinnen und -kanzlern sind es 53 Prozent. Die Anteile hatten bei früheren Erhebungswellen ein ähnliches Niveau.
An der Spitze der größten Forschungsinstitute in Ostdeutschland stieg der Anteil Ostdeutscher von 15 Prozent (2016) auf 20 Prozent (2022).
Der Anteil Ostdeutscher unter den Richterinnen und Richtern der obersten ostdeutschen Gerichte stieg von rund 13 Prozent im Jahr 2016 auf mittlerweile 22 Prozent.
Bei den Vorsitzenden Richterinnen und Richtern ging der Anteil Ostdeutscher von knapp 6 auf 4,5 Prozent zurück.
In den Chefredaktionen der großen Regionalzeitungen sank der Anteil Ostdeutscher von 62 Prozent (2016) auf 43 Prozent (2022).
In der jeweiligen Geschäftsleitung stieg der Anteil von 9 auf 20 Prozent.
In den Führungsgremien der drei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit einem ganz oder teilweise ostdeutschen Sendegebiet stieg der Anteil Ostdeutscher stetig auf 31 Prozent im Jahr 2022.
Während in Ostdeutschland besonders in den Bereichen Justiz und Wissenschaft, die von stark formalisierten Qualifikations- und Laufbahnwegen geprägt sind, ein Nachrücken Ostdeutscher in Elitepositionen festzustellen ist, sind in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Medien teilweise Rückgänge zu verzeichnen.
Auf den hier betrachteten bundesdeutschen Elitepositionen ist der Anteil Ostdeutscher von 2016 bis 2026 von knapp zwei auf rund vier Prozent gestiegen – bei einem ostdeutschen Bevölkerungsanteil von bundesweit etwa 20 Prozent. Es gab vor allem im Bereich der Justiz ein Nachrücken, ansonsten stagnieren die Anteile auf niedrigem Niveau.
In der Bundesregierung gibt es 2026 drei Ostdeutsche, was in etwa dem Bevölkerungsanteil entspricht.
Unter den Staatssekretärinnen und Staatssekretären stieg der Anteil nach 2016 (5 Prozent) und 2022 (5,6 Prozent) auf nun 7,5 Prozent (2026).
In den DAX-Vorständen wurden 2026, wie bereits 2022, zwei Ostdeutsche ermittelt. 2016 waren es noch drei.
An der Spitze der 100 größten Hochschulen nach Studierendenzahl steht nur an einer Einrichtung ein Ostdeutscher, 2016 war es keiner.
Unter den Richterinnen und Richtern der Bundesgerichte stieg der Ost-Anteil von 2 Prozent (2016) und 5 Prozent (2022) auf 6,1 Prozent (2026).
2021 erreichte erstmals eine Ostdeutsche die Position einer Vorsitzenden Richterin. 2026 sind es bereits zwei.
Insgesamt zeigt sich sowohl in den Bundeseliten als auch in Ostdeutschland ein langsames Nachrücken Ostdeutscher. Dennoch bleibt der Abstand zum jeweiligen Bevölkerungsanteil weiterhin groß – das Nachrücken erfolgt also langsamer als möglicherweise erwartet. Die Ursachen hierfür sind bislang noch nicht ausreichend empirisch untersucht worden.
Einer der Erklärungsansätze ist der Elitentransfer von West nach Ost. Dieser war notwendig, da die alten DDR-Eliten, also maßgeblich SED-Parteikader, ihre Legitimation eingebüßt hatten. Gleichzeitig machte die Übertragung des westdeutschen Rechts- und Institutionensystems auf Ostdeutschland erfahrene Verwaltungsfachleute erforderlich, die notwendigerweise aus Westdeutschland kommen mussten. Viele dieser damals vergleichsweise jungen Menschen besetzten Elitepositionen über Jahrzehnte hinweg und erschwerten damit ein Nachrücken Ostdeutscher.
Parallel zu dieser Zuwanderung aus dem Westen erlebte Ostdeutschland eine starke Abwanderung. Gut dreieinhalb Millionen Menschen verließen die Region, darunter vor allem 18- bis 30-Jährige, die aus dem Osten in den Westen übersiedelten. Mit diesen jungen und gut ausgebildeten Menschen verlor Ostdeutschland in den Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung zugleich potenzielle Führungskräfte, die durch ihr vergleichsweise hohes Bildungsniveau für Elitepositionen nicht zuletzt in Ostdeutschland in Frage gekommen wären.
Zu den Erklärungsansätzen zählt zudem die zahlenmäßige Minderheit der Ostdeutschen. Darüber hinaus wurde in der jüngsten Vergangenheit diskutiert, dass die strukturkonservativen Führungsgruppen des Westens sehr stabil zu sein scheinen. Nach dem „Prinzip der Ähnlichkeit“ rekrutierten sich deren Netzwerke häufig selbst und berücksichtigten Ostdeutsche daher seltener. Hinzu kämen möglicherweise im kleineren Umfang Diskriminierung oder Formen der (Selbst-)Marginalisierung. Wirtschaftliche Unsicherheiten könnten zudem dazu beitragen, dass Ostdeutsche in ihren Karriereentscheidungen häufiger vorsichtiger und risikoärmer agieren. Nicht zuletzt verweist die Elitenforschung darauf, dass Eliten eher aus höheren Einkommensschichten rekrutiert werden, denen Ostdeutsche aufgrund der weiterhin bestehenden Einkommensunterschiede statistisch seltener gehören.
In der Elitenforschung hat sich etabliert, jene Personen zu den Eliten zu zählen, die „innerhalb und für soziale Strukturen, Institutionen und Organisationen mit mittel- oder unmittelbar gesamtgesellschaftlicher Wirkungsreichweite über die wesentliche Steuerungskompetenz verfügt und in entscheidenden Handlungssituationen das letzte Wort“ (Vgl. Kollmorgen, 2015) haben.
Die hier betrachteten Positionen sind auf Bundesebene: Bundesregierung und ihre Staatssekretärinnen und Staatssekretäre; Vorstandsmitglieder der DAX-Unternehmen; Rektorinnen, Rektoren, Kanzlerinnen und Kanzler der 100 größten Universitäten und Fachhochschulen; Leitung der Forschungsinstitute; Richterinnen und Richter der obersten Bundesgerichte; Vorstand, Geschäftsleitung, Chefredaktion der größten Medienhäuser.
Innerhalb Ostdeutschlands, ohne Berlin, wurden folgende Positionen betrachtet: Landesregierungen und ihre Staatssekretärinnen und Staatssekretäre; Leitungspositionen in den 100 größten Unternehmen; Rektorinnen, Rektoren, Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten und Fachhochschulen; Richterinnen und Richter der obersten Gerichte.
Bei den ostdeutschen Elitepositionen wird Berlin als Bundeshauptstadt nach Möglichkeit ausgeklammert, da sich innerhalb der Stadt heute kaum zwischen Ost und West unterscheiden lässt.
Nach welchen Kriterien jemand als „ostdeutsch“ gezählt werden kann, ist auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung umstritten. Für diese Erhebungen gilt als Ostdeutscher, wer in der DDR oder nach der Wiedervereinigung in Ostdeutschland sozialisiert wurde. Dementsprechend werden hier Personen zu Ostdeutschen gezählt, die vor 1990 in der DDR geboren oder aufgewachsen sind oder, wenn nicht in der DDR geboren, dort bis 1990 den größeren Teil ihres Lebens verbracht haben. Auch jüngere Menschen, die nach 1989 bis zum Erreichen des Erwachsenenalters den überwiegenden Teil ihres Lebens in Ostdeutschland verbracht haben, zählen hier zu den Menschen mit ostdeutscher Herkunft.
Die hier dargestellten Ergebnisse basieren auf Datenerhebungen ähnlicher Methodik aus den Jahren 2004, 2016, 2022 und 2026 (für die Bundesebene). Die wesentlichen Quellen sind Online-Recherchen und persönliche Abfragen. Fehlende Angaben für Positionen wurden bei den Berechnungen vernachlässigt. Der Vergleich mit älteren Daten ermöglicht einen Blick über den gegenwärtigen Befund hinaus auf zeitliche Entwicklungen und langfristige Tendenzen. Für diese zeitliche Gegenüberstellung wurden im Bereich Politik zusätzlich historische Elitepositionen des Jahres 1991 erhoben. Damit sollte untersucht werden, inwieweit sich die Erwartung eines Nachrückens ostdeutscher Führungskräfte mehr als dreißig Jahre nach dem Mauerfall bestätigt hat.
Der letzte Stand ist hier abrufbar.
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DAS BUCH ZUM PROJEKT
Differenzierte Einblicke in ostdeutsche Lebenssichten, herausgegeben von Olaf Jacobs und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hg.)