ANALYSE
Ostdeutsche in den Eliten
Ostdeutsche sind in Führungspositionen bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil teilweise stark unterrepräsentiert.
Eine Datenerhebung zur Presse über Ostdeutschland zeigt: Über den Osten wird häufig problemorientiert berichtet. Seit der Wiedervereinigung bis heute dominieren Themen wie wirtschaftliche Krisen und Rechtsextremismus. Zudem hängt die Berichterstattung stark von Jubiläen und Gedenktagen ab.
In der Friedlichen Revolution erkämpfen sich Bürgerinnen und Bürger der DDR unter anderem Meinungs- und Pressefreiheit und überwinden damit das staatlich gelenkte Mediensystem der SED-Diktatur. Es entstehen die Voraussetzungen für eine pluralistische Medienordnung. Für die Medienbranche beginnt nach 1989 eine Phase des Aufbruchs und grundlegender Transformation der Medienlandschaft nach bundesdeutschem Vorbild. Zugleich scheint das Zusammenwachsen der zuvor getrennten Teile Deutschlands komplexer und langwieriger als zunächst erwartet. Besonders deutlich wird dies in der Berichterstattung über Ostdeutschland.
Das zeigt eine Medienanalyse von über 321 Millionen deutschsprachigen Printartikeln im Zeitraum von 1990 bis 2025. Die Auswertung macht sichtbar, durch welche sprachlichen Deutungsmuster Ostdeutschland bis heute beschrieben wird und dass es bis heute als „Sonderfall“ überdurchschnittlich oft mit problembezogenen Themen verbunden wird. Daneben zeigen Jahresverläufe, dass Ostdeutschland vor allem dann erhöhte mediale Aufmerksamkeit erhält, wenn rund um den 3. Oktober vermehrt erklärende und bilanzierende Beiträge erscheinen. Doch der Diskurs über den Osten hinterlässt offenbar Spuren: Das Verhältnis zwischen vielen Ostdeutschen und der gesamtdeutschen Presse ist von Distanz geprägt –das Medienmisstrauen ist bei ihnen messbar höher.
Ein erster Blick auf die Häufigkeit von Begriffen in Presseartikeln über Ostdeutschland zeigt ein deutliches Muster: Die Berichterstattung wird von Schlagworten dominiert, die fast ausschließlich im zeitgeschichtlichen Kontext genutzt werden. Begriffe wie „Nachwende“, „Friedliche Revolution“, „Mauerfall“ oder „SED“ sind in den Artikeln stark überrepräsentiert.
Das ist wenig überraschend und historisch erklärbar. Gleichzeitig überlagert es den Blick auf weitere thematische Schwerpunkte der Berichterstattung. Um diese Themensetzung in Zeitungen und Zeitschriften sichtbar zu machen, werden zentrale historische Begriffe in einem nächsten Schritt herausgefiltert. Erst dadurch wird erkennbar, welche inhaltlichen Zuschreibungen sich häufen und wie sie sich im Lauf der Jahrzehnte verändern.
Im ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung erscheint Ostdeutschland in den Zeitungen vor allem als gigantisches Sanierungsprojekt: Knapp die Hälfte der 30 am stärksten überrepräsentierten Begriffe stammt aus der Welt der Wirtschaft – von „Subvention“ und „Privatisierung“ bis hin zu „Strukturwandel“ und „Arbeitslosigkeit“.
Mindestens genauso aufschlussreich wie die übermäßig präsenten Themen sind die blinden Flecken in der Berichterstattung. Die rechtsextremen Ausschreitungen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen gelten in den 1990er Jahren zwar vielen als Sinnbild für ein rechtsextremes Ostdeutschland. Umso erstaunlicher ist, dass die Berichterstattung in dieser Zeit, die heute von einigen als „Baseballschlägerjahre“ bezeichnet wird, noch nicht stark von diesem Thema geprägt ist – was sich allerdings in den darauffolgenden Jahrzehnten ändern sollte. Allein das Wort „ausländerfeindlich“ findet aus diesem Themenbereich in den Top 30 der am meisten überrepräsentierten Wörtern den 1990er Jahre. Die Wortwolke dieser Zeit zeigt zudem ein auffälliges statistisches Detail: Zwar treten spezifische Begriffe im Kontext Ostdeutschlands bereits deutlich häufiger auf als im gesamtdeutschen Durchschnitt, doch verstärkt sich diese Tendenz erst in den folgenden Jahrzehnten erheblich.
Nach der Jahrtausendwende verändert sich das mediale Bild Ostdeutschlands spürbar. Zu den wirtschaftlichen Themen der 1990er Jahre gesellt sich nun eine soziale und demografische Krisenerzählung. Ostdeutschland erscheint in der Berichterstattung vor allem als Region im strukturellen Abwärtstrend: Begriffe wie „Abwanderung“, „Fortzüge“ und „Schrumpfung“ sind deutlich überrepräsentiert. Auch sozialpolitische Themen wie „Hartz IV“ oder „Arbeitslosigkeit“ sind stark überrepräsentiert, obwohl die Hartz-Reformen auch das Leben vieler Menschen in Westdeutschland verändern.
Parallel dazu rückt der Rechtsextremismus im Zusammenhang mit Ostdeutschland stärker in den Fokus der Berichterstattung. Während in den 1990er Jahren nur ein Begriff aus diesem Themenfeld in den Top 30 der Medienanalyse erscheint, sind es in den 2000er Jahren nun neun.
Zudem werden politische Parteien häufiger mit Ostdeutschland verknüpft: Neben der PDS, die sich in dieser Zeit mehrfach umbenennt und später in der Partei Die Linke aufgeht, taucht auch die NPD in diesem Kontext auf. Der Begriff „Lügenpresse“ gehört ebenso erstmals zu den stark überrepräsentierten Begriffen.
In den 2010er Jahren verfestigt sich das mediale Bild Ostdeutschlands als politischer Problemfall. Die Berichterstattung wird nun vor allem von einem Themenfeld dominiert: Fast die Hälfte der 30 prägendsten Begriffe sind mit rechter Ideologie und ihren Akteuren verbunden. Wörter wie „überfremdet“, „Grenzöffnung“ und „PEGIDA“ stehen im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Debatten um die Fluchtmigration seit dem Jahr 2015 und setzen sich in dieser Zeit an die Spitze der Wortliste.
Parallel wird die AfD in der Presse häufig als ostdeutsche Partei eingeordnet, obwohl sie ursprünglich im Westen gegründet wurde und auch dort schnell Wähler gewinnt.
Neben diesen Themen treten verstärkt Begriffe, die Machtlosigkeit oder strukturelle Benachteiligung beschreiben. Zu den anhaltenden demografischen und wirtschaftlichen Problemen, die sich in Wörtern wie „Altersarmut“, „Schrumpfung“ und „Fortzüge“ ausdrücken, kommen neue Formulierungen wie „abgehängt“ und „unterrepräsentiert“ hinzu.
In den Jahren 2020 bis 2024 setzen sich zentrale Muster der 2010er Jahre in der Berichterstattung fort. Begriffe aus dem Spektrum rechter Ideologien dominieren weiterhin die Spitze der Statistik.
Neben der Partei Die Linke mitsamt den Bezeichnungen ihrer Vorgängerinnen und der AfD schiebt sich mit dem BSW eine neue politische Kraft in die Liste der Begriffe. Obwohl sich der Rechtsruck auch in vielen westdeutschen Regionen und Landesparlamenten zeigt, wird er in der gesamtdeutschen Presse vor allem mit Ostdeutschland verbunden.
Auch die Erzählung einer anhaltenden sozialen und strukturellen Ohnmacht im Osten besteht fort.
Ein Vergleich der am stärksten überrepräsentierten Begriffe der vier Dekaden seit der Wiedervereinigung zeigt eine bemerkenswerte Dynamik: Thematische Bezüge zu Ostdeutschland gehen mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur deutschen Einheit nicht etwa zurück, sondern bleiben bestehen und verstärken sich. Die Abweichung vom Durchschnitt der Presseberichterstattung nimmt, wenn über den Osten geschrieben wird, bei überrepräsentierten Begriffen über die Jahre immer weiter zu.
Kommen die 30 am stärksten überrepräsentierten Begriffe in den 1990er Jahren in Artikeln über Ostdeutschland im Schnitt sieben Mal häufiger vor, erreicht diese Abweichung in den 2010er Jahren mit dem 18-Fachen ihren Höhepunkt. Und auch wenn dies in den 2020er Jahren wieder zurückgeht, liegt die Überrepräsentation mit einem 12-fachen Wert weiterhin auf einem hohen Niveau.
Daraus lässt sich ableiten, dass sich das Bild Ostdeutschlands in der Berichterstattung stellenweise zu stereotypen Mustern verdichtet, in denen Ostdeutschland vor allem im Zusammenhang mit wirtschaftlichem Abstieg, demografischen Problemen oder politischer Radikalisierung erscheint.
Im Jahr unmittelbar nach der Wiedervereinigung sind Ostdeutschland bzw. die damals sogenannten neuen Bundesländer in der Presse noch allgegenwärtig. Damals fällt der Begriff „ostdeutsch“ in fast sieben Prozent aller deutschsprachigen Presseartikel. Der Anteil nimmt im Verlauf der 1990er Jahre kontinuierlich ab und liegt in den letzten zwei Dekaden in jedem Jahr zwischen gut 0,2 und knapp 0,5 Prozent.
Betrachtet man die letzten 30 Jahre und vergleicht den Rhythmus der Berichterstattung, zeigt sich eine erstaunliche Konstanz.
Die Berichterstattung verzeichnet im Zeitverlauf eines Jahres immer wieder die gleichen Episoden, die vom Jahresdurchschnitt abweichen.
Außerdem werden diese Ausschläge nach oben mit den Jahren immer extremer.
Welche Anlässe braucht es also, damit sich die mediale Aufmerksamkeit überhaupt auf den Osten der Republik richtet? Hierfür bietet das Jahr 2014 ein gutes Beispiel.
In den Winter- und Frühlingsmonaten wird unterdurchschnittlich häufig über Ostdeutschland berichtet. Ohne konkreten historischen oder politischen Anlass spielt das Thema in der laufenden Berichterstattung eine vergleichsweise geringe Rolle.
Mitte bis Ende August steigt die Berichterstattung über Ostdeutschland im Durchschnitt um knapp 20 Prozent. Möglicherweise liegt dies an der nachrichtenärmeren Zeit in der parlamentarischen Sommerpause. Zudem bietet der Jahrestag des Mauerbaus 1961 am 13. August Anlass für historische Rückblicke.
Auch rund um Landtagswahlen in ostdeutschen Bundesländern steigt die Berichterstattung deutlich an: Am Beispiel des Jahres 2014 zeigt sich, dass bereits im Vorfeld einzelner Wahlen ein erhöhtes mediales Interesse besteht, etwa vor Landtagswahl in Sachsen.
Dieser Effekt ist jedoch nicht bei allen Landtagswahlen in ostdeutschen Bundesländern ausgeprägt. In der Vorwahlphase erhalten Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Nach den Wahlen steigt die Berichterstattung jedoch deutlich an. Auch das zeigt sich im Jahr 2014: So wurde in der Woche nach den Landtagswahlen im September 2014 in Brandenburg und Thüringen fast 50 Prozent häufiger über Ostdeutschland berichtet als im Jahresdurchschnitt. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch bei Bundestagswahlen: Ostdeutschland spielt im Vorfeld eine untergeordnete Rolle, rückt aber im Anschluss an die Wahlen stärker in den Fokus, wenn es darum geht, die Wahlergebnisse im Nachhinein zu erklären. Nach den Wahlen 2017 und 2021 wurde etwa doppelt so häufig wie im Durchschnitt über Ostdeutschland berichtet.
Im Herbst steigt die Kurve regelmäßig an und erreicht rund um dem Tag der Deutschen Einheit ihren Höhepunkt. Bereits ein bis zwei Wochen vor dem 3. Oktober nimmt die mediale Aufmerksamkeit zu und liegt in dieser Phase deutlich über dem Jahresdurchschnitt. Im Jahr 2014 – dem 25. Jahrestag der Friedlichen Revolution – wird in diesem Zeitraum doppelt so häufig über Ostdeutschland berichtet wie im Jahresdurchschnitt. Auffällig ist zudem, dass das mediale Interesse nach dem Feiertag abrupt wieder auf Normalmaß abnimmt.
Der Jahrestag des Mauerfalls am 9. November führt – anders als der 3. Oktober – nicht regelmäßig zu einem Anstieg der Berichterstattung. Eine erhöhte Aufmerksamkeit zeigt sich vor allem in Jahren mit runden Jubiläen wie 2014 zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, ebenso zum 5., 10., 20. oder zuletzt 35. Jahrestag. In den Zwischenjahren bleibt die Berichterstattung im November vergleichsweise gering.
Die Ergebnisse der Medienanalyse zeigen: Ostdeutschland erscheint in der Presse bis heute als Sonderfall. Mit wachsendem zeitlichen Abstand zur Wiedervereinigung löst sich diese Zuschreibung nicht auf, im Gegenteil, sie verfestigt sich. Das zeigt sich daran, dass vor allem negativ konnotierte Themen und Begriffe im Zusammenhang mit Ostdeutschland besonders häufig auftreten. Dazu gehören vor allem wirtschaftliche Probleme, demografische Entwicklungen und politische Radikalisierung.
Zwar verändern sich die Schwerpunkte im Laufe der Zeit: von wirtschaftlichem Umbau in den 1990er Jahren über demografische Krisen in den 2000ern bis hin zu politischen Konflikten seit den 2010ern. Die grundlegende Tendenz bleibt aber gleich: Ostdeutschland wird besonders dann zum Thema, wenn es als Problem oder Ausnahme erscheint. Alltägliche Aspekte treten demgegenüber seltenen in den Vordergrund. Aufmerksamkeit entsteht vor allem zu bestimmten Anlässen wie Jahrestagen oder Wahlen.
Diese wiederkehrenden thematischen Verknüpfungen können dazu beitragen, dass sich bestimmte Deutungsmuster in der Berichterstattung verfestigen. Auffällig ist außerdem, dass „Ostdeutschland“ mehr ist als nur eine geografische Bezeichnung. Der Begriff ist politisch aufgeladen. Während der Westen oft als Normalfall gilt und gar nicht extra benannt wird, wird Ostdeutschland in der Presseberichterstattung häufig hervorgehoben und eingeordnet. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass Ostdeutschland als besonders erklärungsbedürftig erscheint, während Unterschiede innerhalb der Region zugleich weniger Beachtung finden.
Die Konsequenzen dieser Darstellungslogik sind nicht nur medial, sondern auch gesellschaftlich relevant. Die Analyse deutet darauf hin, dass sich über Jahrzehnte hinweg ein relativ stabiles Set an Zuschreibungen herausgebildet hat, das die Wahrnehmung Ostdeutschlands prägt. Diese Zuschreibungen können sowohl die öffentliche Wahrnehmung als auch das Selbstverständnis der Menschen vor Ort beeinflussen.
Die begleitenden qualitativen Befunde – insbesondere aus den im Rahmen des Projekts „Identitäten ohne Mauern. Auf der Suche nach der DNA des Ostens“ entstandenen Interviews – stützen diese Interpretation. Viele Befragte empfinden die Berichterstattung als einseitig und kritisieren, dass die Vielfalt ostdeutscher Lebenswirklichkeiten kaum vorkommt. Stattdessen dominieren wenige, stark aufgeladene Themen, die den Osten oft zur Projektionsfläche für gesellschaftliche Debatten machen.
Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass viele Menschen in Westdeutschland nur wenig eigene Erfahrung mit Ostdeutschland haben. Ein Teil von ihnen war noch nie dort; ihr Bild entsteht daher vor allem durch Medienberichte und weniger durch persönliche Begegnungen.
Auch strukturelle Faktoren spielen dabei eine Rolle. Die großen Verlagshäuser haben ihren Sitz in der alten Bundesrepublik, und Inhalte werden zunehmend zentral produziert. Gleichzeitig gibt es in den vergangenen Jahren verstärkt Bemühungen, ostdeutsche Perspektiven durch eigene Redaktionen und Formate stärker einzubinden. Ziel ist es, ostdeutsche Perspektiven direkt zu Wort kommen zu lassen.
Vor diesem Hintergrund tragen Medien eine besondere Verantwortung. Sie berichten nicht nur über Realität, sondern prägen auch, wie sie wahrgenommen wird. Eine differenziertere und weniger stereotype Berichterstattung könnte dazu beitragen, ein vielschichtigeres Bild von Ostdeutschland zu vermitteln und damit auch das gegenseitige Verständnis im vereinten Deutschland zu stärken.
Grundlage der Untersuchung ist die Analyse von über 321 Millionen deutschsprachigen Presseartikeln, aus dem die im Zeitraum vom Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 bis zum 31. März 2025 erschienen sind.
Möglich wurde diese Auswertung durch die Zusammenarbeit mit GBI-Genios. Das Gemeinschaftsunternehmen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Handelsblatt Media Group bündelt die digitalen Archive der deutschen Tages- und Wochenzeitungen.
Die Untersuchung, die von der Produktionsfirma Hoferichter & Jacobs in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig verantwortet wird, ist ein datenjournalistisches Projekt und folgt keinem klassischen sozialwissenschaftliche Studiendesign. Um herauszufinden, wie über den Osten geschrieben wird, wird die Verwendung von rund 1.200 ausgewählten Begriffen untersucht. Die Auswahl orientiert sich an korpusbasierten Wortlisten des Instituts für Deutsche Sprache, ergänzt um Begriffe, die im öffentlichen Diskurs oft mit Ostdeutschland assoziiert werden.
Entscheidend für die Auswertung ist die sogenannte Überrepräsentation. Kommt ein Begriff in 10 Prozent aller Presseartikel vor, aber in 20 Prozent der Artikel, die das Wort „ostdeutsch“, „Ostdeutsche/r“ oder „Ostdeutschland“ enthalten, ist er im Ost-Kontext überrepräsentiert – in diesem Fall um 100 Prozent. Eine Überrepräsentation von +100 Prozent heißt, dass das Wort im Zusammenhang mit Ostdeutschland doppelt so häufig fällt wie im Durchschnitt der Presseberichterstattung.
Für die Analyse werden für jedes Jahrzehnt jeweils die Top 30 der am stärksten überrepräsentierten Begriffe betrachtet. Sie zeigen am deutlichsten, welche thematischen Schwerpunkte und Deutungsmuster die Berichterstattung über Ostdeutschland prägen.
Der letzte Stand ist hier abrufbar.
Wie wurde gemessen, wann der Osten ein Thema ist? Um herauszufinden, zu welchen Zeiten Ostdeutschland medial in den Fokus rückt, untersucht die Studie Muster im Jahresverlauf. Dafür werden 1.833 Kalenderwochen betrachtet – vom 3. Oktober 1990 bis zur letzten abgeschlossenen Woche vor dem Stichtag Ende März 2025 (KW 13). Zunächst wird ermittelt, wie groß der Anteil der Artikel ist, die den Begriff „ostdeutsch“ sowie die Varianten „Ostdeutschland“ oder „Ostdeutsche/r“ enthalten. Dieser wöchentliche Anteil wird dann mit dem jeweiligen Jahresdurchschnitt verglichen, um saisonale Medien-Rhythmen sichtbar zu machen. Ein Beispiel: Wenn in einem Jahr durchschnittlich 0,5 Prozent aller Presseartikel den Begriff „ostdeutsch*“ enthalten, dieser Anteil in der Kalenderwoche 40 (rund um den Tag der Deutschen Einheit) auf 0,75 Prozent steigt, entspricht das für diese Woche einer um 50 Prozent erhöhten Berichterstattung.
Der Westen gilt in der Berichterstattung historisch wie demografisch als die Norm: Er repräsentiert den unausgesprochenen Standard, der im Alltag kein eigenes Adjektiv benötigt. Berichten Medien über einen Lehrer in Hessen oder einen Betrieb in Nordrhein-Westfalen, ist in der Regel einfach von „einem Lehrer“ oder „einem deutschen Unternehmen“ die Rede. Liegt der Schauplatz jedoch in Sachsen oder Thüringen, wird das Attribut „ostdeutsch“ deutlich häufiger verwendet. Ostdeutschland erscheint in der Logik der Presseberichterstattung oft als markierter Sonderfall.
ANALYSE
Ostdeutsche sind in Führungspositionen bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil teilweise stark unterrepräsentiert.
DAS BUCH ZUM PROJEKT
Differenzierte Einblicke in ostdeutsche Lebenssichten, herausgegeben von Olaf Jacobs und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hg.)